Dr. Danila Serafini
Ein klarliniges Profil,
Farbe aus lebendig leuchtenden, fast frechen Tönen auf einer
Oberfläche, die traditionsgemäß der
Norm entsprechend, zart, fast demütig sein sollten, um das Volumenspiel
nicht zu beeinträchtigen; doch gerade dies sind die Merkmale
des „Stils",
den der Bildhauer Wilhelm Senoner verfolgt. Die Form kommt in ihrer
einfachen Beschaffenheit zum Ausdruck, sie ist im männlichen
sowie im weiblichen Körpervollendet, frei von unnötigen
Verzierungen, doch reich an „taktilen Werten", sinnlich
und hieratisch zugleich. Die Glieder schlüpfen wie Überraschungen
aus kräftig-kompakten
Rümpfen, während die Haltung ein zartes, anmutiges Schamgefühl
der Nacktheit offenbart.
Der Bildhauer sieht zum Beispiel bei der
biblischen „Susanna“ die
lüsternen Augen der Alten in Form eines Edelsteines am Finger
der jungen Frau; die Hand liegt auf der Scham, Ort des Lebens und
meist geschütztes
weibliches Geheimnis. Oder er legt eine unwahrscheinliche Kopfbedeckung,
seltsam und bizarr auf zurückgehaltene Gestalten. Oder einen
Apfel auf die offene Hand, um eine schamhafte Eva aufzuspüren.
Er hobelt die grobe Oberfläche seiner Werke. Das Ergebnis: Weichheit,
auf der die gleitende Hand irregeführt wird weil sie glaubt,
lebendige Materie zu spüren. Die Holzskulpturen sind blau, rot,
grün und
rosa gekleidet; sie heitern auf, sie blenden mit der Intensität
ihrer Farben; das Licht bewegt sich in matten Reflexen auf den herausragenden
Partien; in den Hohlräumen verliert es an Härte und entwischt.
In dieser Farbenvision, in dieser eroberten Linearität wird
der Künstler
von der gotischen transalpinen Bildhauerei unterstützt, die
er studiert, nachgeahmt und - neue Lösungen anbietend - interpretiert
hat. Diese weiblichen Gestalten legt er dann aufs Bett einer Bildtafel,
er lässt
sie zu einem Relief emportauchen, deutet Konturen und Gesten an,
indem er sie aus der trägen Materie weckt, sie ruft und ihnen
Leben einflößt.
Die stehenden Posen - die klassischen und die revolutionären
-, die Rhythmen des Herzens schweben zwischen Schwermut und bewusster
Annahme
der unver¬meidbaren Realität, der sanften und erfüllten
Ruhe des gegenwärtigen Daseins, des Bestehens wodurch das Wunder
und zugleich das Geheimnis des Lebens offenbart werden: das ist die
Menschlichkeit die
der Künstler formt.
In den Bildtafeln bestätigen die Sujets
die kreative Erforschungsvielfalt, die den Menschen so wie die
Natur berührt;
sie werden in ihrem Realismus erkannt oder in Zeichen und Flecken
umgesetzt: die Grapheme nehmen Konsistenz an, sie wölben das
Bild auf, die Punkte stehen dicht aneinander, sind aber nichtverschmolzen,
die Farbtöne
stehen einander gegenüber und sind auf das Minimum reduziert; über
das Ganze fließt der spontane Pinselstrich - lediglich vom
unmittelbaren Eindruck erfüllt; dauerhaft bleibt jedoch der
verzauberte, überraschte
Blick. Wie in der „Winterlandschaft", von der ein weißer
Himmel und eine weißbedeckte Erde erzählen; oder in
den „Heugarben",
wo in einer Ecke in Haufen gesammeltes Gelb Sonnenstrahlen einer
unaufhaltbaren Helligkeit und Bewegungskraft darstellt.
„Wenn
der Maler die Schönheiten
sehen möchte, in die er sich verlieben wird, ist er auch
im Stande sie zu schaffen“ (Leonardo da Vinci): das ist die
wahre Magie, die nur Künstlern geschenkt wurde.
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